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Erinnerungskultur – Denkmalschutz

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…oder eine Nachbetrachtung zur Berichterstattung über und diverse Vorgänge um das Burschenschaftsdenkmal Jena

Das Denkmal

1883 von Adolf Dorndorf geschaffen

zeigt die aus einem monolithischen Block Carrara-Marmor gearbeitete überlebensgroße Figur eines Burschenschaftlers in zeittypischer Studententracht mit Barett, Schärpe, Schwert und Fahne auf flacher Plinthe stehend.

Figur steht auf einem aus 6 Werkstücken gefügten Postament aus Muschelkalk.

Die bisherige Denkmalgeschichte in Kurzform

  • Denkmal stand an seinem ursprünglichen Standort auf dem Eichplatz bis Frühjahr 1945 (ab 1945 eingehaust, um es vor Bombensplittern zu schützen)
  • um es vor dem Einmarsch der Amerikaner zu sichern, wurde es in die „Grüne Tanne“ verbracht
  • seit 1951 am heutigen Standort am Ost-Ende des Fürstengrabens;
    • eFotografie_Hans_Mey_oDvtl. mit der Absicht, es mit einer Botschaft in die Via Triumphalis zu integrieren: Gründung der Burschenschaft = Beginn der „nationaldemokratischen Bewegung“, deren Höhepunkt sich im Kampf der Antifaschisten gefunden habe – dies unterstrichen mit dem Denkmal für die Verfolgten des Nazi-Regime am West-Ausläufer des Fürstengrabens.
    • in späteren DDR-Zeiten: Uni-Kustos Günter Steiger erreicht in den 1970er Jahren konservatorische Sicherung des Denkmals, gleichzeitig wurde Sockel-Tafel „Der Deutschen Burschenschaft“ ersetzt durch die Widmungsworte „der antifeudal-bürgerlichen Studentenbewegung“.
  • Bereits Ende der 1970er Jahre und 1998 erfolgten umfassende Restaurierung und Konservierung des Denkmals.
  • 2011 wurde das Denkmal fast komplett mit Dispersionsfarbe (dringt besonders gut in Naturstein ein) übergossen. Im Zusammenhang mit der darauf erfolgten Reinigung gingen sämtliche kunstharzgebundenen Ergänzungen und Rissverschlüsse an der Skulptur wieder verloren (stellten sich also als reversibel heraus), Rissnetze wurden freigelegt. Außerdem fehlten 2014 mehrere Vierungen an der Figur. Das Denkmal bedurfte daher und aufgrund seiner generellen Instabilität (die extreme Luftverschmutzung in Jena in den früheren Jahren und das mitteleurop. Klima haben der Skulptur stark zugesetzt) einer erneuten restauratorischen und konservatorischen Bearbeitung.
  • Die im Konzept von Dipl. Restaurator Th. Grützner vorgeschlagenen Maßnahmen dienten der Stabilisierung des Gefüges ohne dabei die materialtechnischen Eigenschaften des Marmors irrevesibel zu verändern. Gleichzeitig wurde die Skulptur in ihrer künstlerischen Aussage wieder erlebbar.
  • Die Restaurierungsarbeiten wurden v. Dipl.Rest. Steffen Marko (Leipzig) durchgeführt
  • Da Marmor speziell Carrara-Marmor gegenüber starken Temperaturschwankungen, Feuchteeintrag und Schadgasen besonders anfällig ist, ist die Skulptur zukünftig sowohl vor direkten äußeren Witterungseinflüssen als auch starken Temperatur- und Feuchteschwankungen durch eine ständige Einhausung oder durch Verbringung in einen geschlossenen Raum (z.B. Innenhof der Universität) zu schützen. Die Anforderungen an eine solche Behausung sind sowohl aus konservatorischer (bauklimatische Verhältnisse) als auch konstruktiver und gestalterischer (möglichst geringe Beeinträchtigung der Sichtbarkeit) Sicht sehr hoch.
    • Der Kultur-Eigenbetrieb JenaKultur (in Jena ist fast alles in Eigenbetriebe ausgelagert), dem die Skulpturen zugeordnet sind, berichtete in einer Pressemitteilung im Juni 2016, dass die seit einem Jahr laufenden restaurator. Maßnahmen fast abgeschlossen sind und das Denkmal, das seit der „Farb-Attacke“ eingehaust ist, danach für kurze Zeit offen zu sehen sein wird.
    • zwischenablage03Die entsprechende Zeitungsmeldung postete die Alte Burschenschaft auf dem Burgkeller Jena auf ihrer Facebookseite – allerdings nicht neutral, sondern mit einem ziemlich provokanten – meines Erachtens geradezu herausfordernden Kommentar ….Und natürlich sprang auch gleich jemand darauf auf
    • Die unter dem Namen „Studentische Verbindungen auflösen“ agierende Gruppe postete ihrerseits die Meldung der Burschenschaft mit dem Kommentar „window of opportunity“. Dies wiederum veranlasste die Burschenschaft sich gleich an den OB zu wenden. Im Ergebnis gab es große Aufregung, viele Pressetermine und immer ging es nur um die wirklich einzige kleine Reaktion auf den Post der Burschenschaft, der selbst weder erwähnt noch kritisiert wurde (wurde meinerseits nachgeholt beim Pressetermin am 09.09.2016, aber gelangte leider nicht in die Presse vgl. OTZ OTZ-der Bursche_Jenas unbequemes Denkmal).
    • Für den Tag des offenen Denkmals, an dem wir den Burschen nach der aufwendigen, schwierigen, aber wirklich sehr qualitätsvollen Restaurierung zeigen wollen, wurde sogar eine rund-um-die-Uhr-Bewachung organisiert. Die auch angedachte Videoüberwachung (OTZ-Videoueberwachung denkbar) wurde glücklicherweise fallen gelassen.
    • Und natürlich ging alles gut – alles andere hätte mich nicht nur gewundert, sondern schwer enttäuscht, wäre auch blöd gewesen. Ich unterstelle nämlich, dass differenzierte Betrachtung von komplexen Sachverhalten auf linker Seite etwas ausgeprägter ist. Und die Argumente gegen Nationalismus und Rassismus sind stark genug, um sich damit in verbale Auseinandersetzung in Debatten und Diskussionen zu begeben. Sachbeschädigungen helfen da eher nicht

Der Denkmalschutz

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Fotografie: E. Zimmermann, 09/2016

  • aus künstlerischen, aber auch aus historischen Gründen als Kulturdenkmal gem. ThürDSchG ausgewiesen und geschützt.

Nicht nur Denkmalschutz und die Denkmalpflege sind wesentlicher Bestandteil menschlicher Erinnerungskulturen, sondern auch die bewusst zum Zwecke der Erinnerung geschaffenen Objekte, wie die Denkmäler, zu denen auch das Burschenschaftsdenkmal gehört.

Erinnerungskultur

Dabei geht es immer um Erinnerung/Verdrängung an/von Vergangenes/m, um dessen Deutung und um Wertevermittlung. Und selbstverständlich gibt es hier Wandlungen/Veränderungen.
Das Anliegen des Denkmalschutzes ist es, die Kulturdenkmale mit den ihnen innewohnenden historischen Informationen zu bewahren und damit auch die jeweils entstehungszeitlichen Absichten, Umstände – also sozialen, politischen, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – und die der jeweiligen Erinnerungsgemeinschaft immanenten Werte ablesbar zu erhalten – für Diskussionen, Reflexionen, die Entwicklung eigener Wertesysteme etc.

Das heißt aber, dass auch so genannte unbequeme Denkmale erhalten werden müssen, wozu auch das Burschenschaftsdenkmal zu zählen ist.

Derartige Denkmäler/Kulturdenkmale zu beseitigen oder zu verstecken – also Geschichte glatt zu bügeln, wäre fatal. Gerade in Zeiten wieder erstarkender Nationalismen und eines wachsenden Rassismus, aufkommender Ab- und Ausgrenzungstendenzen, der Abnahme sozialer Durchlässigkeit muss man sich mit Entwicklungen wie sie die Burschenschaft(en) von ihrer Gründung an vollzogen, beschäftigen, mit Ursachen und Folgen auseinandersetzen.

Die Auseinandersetzung mit den Burschenschaften ist schwierig. Gerade in der Gründungszeit gibt es häufig ein Nebeneinander von fortschrittlichen/aufklärerischen Ideen und elitären/ein- und ausgrenzenden Zielen:

Neben der Idee von einem gemeinsamen Vaterland, neben Nationalstolz, neben der übersteigerten Bedeutung von „Männlichkeit“, speziellen Männlichkeitsidealen (Mannhaftigkeit und Kampfbereitschaft für das deutsche Vaterland) und der damit einhergehenden Diskriminierung von Frauen, ging es eben doch auch um die Idee der Volkssouveränität (Luden), die Aufhebung von Leibeigenschaft und liberale Verfassungen mithin demokratische Freiheiten. Neben der Beibehaltung aristokratischer/elitärer Ehrvorstellungen ging es um Abschaffung von Standesunterschieden, neben der individuellen Freiheit ging es darum, sich für die Nation, für „sein Volk“ zu opfer – quasi Selbstaufgabe für das Kollektiv. Neben dem Kampf gegen Kleinstaaterei gegen feudale Prinzipien (vgl. Tafel aus DDR-Zeiten auf Burschenschaftsdenkmal) ging es um die Bildung elitärer/ausgrenzender Netzwerke.

Mit dem Zusammenschluss der deutschen Länder und Staaten im Jahr 1871 sahen die deutschen Burschenschaften eines ihrer wichtigsten Ziele als erreicht an. Ihr politisches Engagement ging zurück, Regularien, Duelle, Versorgungssysteme/Netzwerke gewannen an Bedeutung. Die Burschenschaften waren keine Opposition, sondern eine staatstragende  Organisation geworden, die sich selbst als Elite des Kaiserreiches sah. Dieses elitäre Selbstverständnis ging jedoch immer stärker in nationalistischen/antisemitischen/rassistischen Ideen auf. Burschenschaften ab 1871 als unpolitisch zu bezeichnen, wäre also schlichtweg falsch.

>Pause … irgend wann schreibe ich hier weiter über NS-Zeit, Nachkriegszeit in Ost und West und die 1990er bis heute <

 

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