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Archiv für den Monat August 2017

„Macht und Pracht“ – ein paar wenige Gedanken zum Motto für den Tag des offenen Denkmals 2017

Das Motto 2017

Das Motto „Macht und Pracht“ widmet sich der Frage nach der Sichtbarkeit bzw. Ablesbarkeit von Machtverhältnissen in unserer gestalteten Umgebung.

Architektur ist eine offensichtliche und machtvolle Form der Massenkommunikation. Sie ist ein Spiegel von Macht und Ohnmacht, von Machtstrategien, Machtverfestigung und -verlusten sowie der jeweiligen Auswirkungen auf jene, die sie ausüben und die ihr unterliegen.

Architektur wirkt daher auch auf unser Bewusstsein, weckt Assoziationen, zeigt uns Unzugänglichkeiten, Zugänge, Grenzen und Möglichkeiten auf. Ein Aspekt, den Stadtplanung beachten sollte. Genannt werden sollen hier nur beispielhaft Begriffe wie Uniformierung, Individualiserung, Erniedrigung, Ernüchterung, Animation, Wohlfühlen, Abschreckung, Abwehr, Einladung etc.

Doch nicht nur die Architektur, sondern auch der Umgang mit dem gebauten Erbe in sich wandelnden Gesellschaften drückt Machtverhältnisse, aber eben auch Ängste vor Machtverlust, Zweifel an eigener Überzeugungsmacht etc. aus. Dies zeigt sich immer wieder in den Debatten um den Umgang mit so genannten unbequemen Denkmalen oder mit unauffälligen Denkmalen des Alltags. Insofern ist das Thema grundlegend, zugleich aber auch hoch komplex, widersprüchlich und nicht selten spannungsgeladen (die letzten Adjektive entstammen dem Sonderheft der Monumente zum Tag des offenen Denkmals 2017).

Neben den Baudenkmalen symbolisieren natürlich auch Denkmäler im engeren Sinne das Motto Macht und Pracht mit seinen Antonymen. Und auch hier ist unbedingt der Umgang mit diesen bewusst zum Zwecke der Erinnerung gesetzten Malen zu betrachten.

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Alternativen aufzeigen – Vielfalt bewahren

…ist ein Grundanliegen von Denkmalschutz und eine wichtige kulturpolitische und soziokulturelle Aufgabe.

Denkmalschutz muss nicht nur wegen seiner Befassung mit dem persönlichen Eigentum Dritter permanent begründet, legitimiert werden. Allzu oft wird Denkmalschutz mit seiner zentralen Aufgabe des Bewahrens/Konservierens mit purem Konservativismus gleichgesetzt. Das ist allerdings ein wenig sehr kurz gedacht.

Natürlich konservieren wir Substanz.

Sinn und Zweck ist dabei aber nicht, das Bild einer vermeintlich besseren heilen Vergangenheit zu bewahren oder gar wieder zu erschaffen. Es gilt die Vielfalt menschlicher Handlungen/Handlungsoptionen, Lebensentwürfe, Visionen, aber natürlich auch – etwas heruntergebrochen – der Technologien, Ausdrucksmittel, Stile, Ansprüche aufzuzeigen. Es gilt Irrwege und Folgen diverser Entwicklungen materiell greifbar zu verdeutlichen.

Kulturdenkmale treten dabei als besondere Lernorte in Erscheinung, die nicht nur Informatio­nen über Vergangenes in einer oft ungeahnten Breite vorhalten, sondern in sich gleichzeitig ein breites Spektrum an alternativen Lebens-, Ausdrucks- und Produktionsmöglichkeiten tra­gen. Diese Vielfalt mag mitunter verstören und erschrecken, mit ihr umzugehen bzw. sie zu respektieren, anzuerkennen und als Quell von Kreativität, Individualität aber immer auch für Entwicklung von Empathie zu begreifen, ist für unsere Gemeinwesen jedoch essentiell. (! Diese kluge Beschreibung ist nicht gänzlich von mir. Sie hat sich nur in meinem Kopf ganz tief festgesetzt, ohne dass ich mir die Quelle je aufgeschrieben habe. Ich bitte um Nachsicht)

Denkmalschutz stellt sich damit nicht nur als eine vergangenheitsorientierte, sondern v.a. als zukunftsweisende Aufgabe dar. Und er ist Teil unserer kulturellen Bewusstseinsbildung.

So weit gefasst verstehe zumindest ich meine Aufgabe als Denkmalschützerin und deswegen wird auch gerade um unbequeme, nicht sofort (er-)fassbare, nicht unbedingt „schöne“/“prächtige“ Denkmale gerungen. Untere Denkmalschutzbehörden haben meiner Ansicht nach nicht nur die Aufgabe, denkmalfachliche und denkmalschutzrechtliche Standards zu formulieren und durchzusetzen. Sie haben auch die Möglichkeit, aufklärend und vermittelnd zu agieren. Sie können in einer Welt, in der ökonomische Zwänge immer stärker Druck ausüben und Eile gebieten, Räume mit Events überzogen werden, Denkmälern und Stadträumen bzw. Initiativen den entsprechenden Raum und die nötige Zeit für eine sanfte ggf. alternative Entwicklung geben. Dafür nötig ist eine Zusammenarbeit mit den Engagierten vor Ort, mit Eigentümern und Enthusiasten, Interessierten. Denkmalpflege muss daher als zentraler Bestandteil einer integrativen nachhaltigen Stadtentwicklung verortet werden. Es ist keine rein behördliche Aufgabe. Soziale Aspekte wie Milieuschutz spielen ebenso eine Rolle wie Integration, soziale Gerechtigkeit, Umwelt- und Naturschutz und der Erhalt kreativer Freiräume oder Identität stiftender Orte und Räume.

Denkmalschutz und Denkmalpflege sind gleichzeitig „vitaler Bestandteil unseres kulturell geprägten Lebensraumes“ und damit Teil praktischer kultureller resp. Stadt-Ökologie. (Prof. Thomas Will)

Dieser Zuschreibung von Aufgaben an den Denkmalschutz liegt der weiter gefasste Begriff des Denkmals zugrunde, der wiederum auf der Erkenntnis beruht, dass auch und gerade vielen nicht zum Zwecke der Erinnerung geschaffenen Objekten Informations- und Aussagewerte innewohnen, deren Erhalt im öffentlichen Interesse liegt.