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Von Authentizität und Illusion – Gedanken zu den Wiederaufbauplänen „Palais Kaskel-Oppenheim“

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Das Palais Oppenheim, 1845-1848 nach Plänen Gottfried Sempers auf dreieckigem Grundriss im Stil der Neorenaissance für den aus Königsberg stammenden Bankier Martin Wilhelm Oppenheim errichtet, zählte zweifelsfrei zu den kultur- und architekturgeschichtlich besonders wertvollen Profanbauten Dresdens.

Detailliert dem Vorbild italienischer Palazzi folgend und doch in besonderer Weise die örtlichen Gegebenheiten reflektierend, zeichnete der Bau ein Ideal der Villenarchitektur des 19. /frühen 20. Jh. Gleichzeitig entwickelte sich das Oppenheimsche Palais zu einem Zentrum des geistigen und kulturellen Austauschs.

Gebäude und Gartenanlage wurden im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt. Von dem Palais standen fast nur noch die Umfassungsmauern.

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© SLUB / Deutsche Fotothek / Hahn, Walter
Lizenz: Freier Zugang – Rechte vorbehalten.

Aufgrund der herausragenden, überregionalen Bedeutung des Baus für die Architektur- und Kulturgeschichte bemühten sich Denkmalschützer, insbesondere Dr. Hans Nadler (Landesamt für Volkskunde und Denkmalpflege Sachsen), zumindest diese Substanz zu sichern und zu erhalten. Im April 1951 wurde die überkommene Substanz jedoch zugunsten eines geplanten, später nie realisierten Pionierpalast-Baus gesprengt.
→ zur kultur- und kunstgeschichtlichen Würdigung des Palais Oppenheims siehe
www.gottfriedsemperclub.de/…/P.O.%20Bedeutung%20%20B-Pl.%20389%20A,.pdf
• Laudel, Heidrun: Gottfried Semper – Architektur und Stil, Dresden 1991
• Dies.: Bauen in Dresden im 19. und 20. Jahrhundert, Dresden 1991
• Dies.: Werkkatalog Gottfried Semper. In: Gottfried Semper 1803–1879, 2003

Nun soll das Palais wieder aufgebaut werden. Der Ausschuss für Stadtentwicklung und Bau beschloss am Mittwoch, d. 31.01. 2018 einstimmig, als ersten Schritt die planungsrechtlichen Möglichkeiten für den Wiederaufbau des Palais Oppenheim zu sichern.
→ vgl. http://www.dnn.de/Dresden/Lokales/Palais-Oppenheim-soll-auferstehen
http://www.sz-online.de/nachrichten/erster-schritt-zum-palais-oppenheim-3871500.html

Jubel, all überall!? …nun ja… Verglichen mit den Diskussionen um Rekonstruktion und Authentizität angesichts des Wiederaufbaus der Frauenkirche und des sich anschließenden etwas sonderbaren „Wiederaufbaus“ des Neumarkts bei gleichzeitiger Beseitigung überkommener Bausubstanz zugunsten von Tiefgaragen herrscht jetzt großes Schweigen. Und ja – viell. ist ja tatsächlich alles gesagt.

Dennoch finde ich die etwas sehr unkritische Befassung/Auseinandersetzung mit dem Thema Rekonstruktion schade, ein wenig enttäuschend sogar. Insbesondere angesichts der Vielzahl an zu hinterfragenden Rekonstruktionsplänen in Potsdam, Berlin und Dresden (das Narrenhäusel ist ja auch schon beschlossene Sache).

Man könnte jetzt einen sehr langen Ritt durch die Geschichte der Denkmalpflege antreten, um sich der Problematik von Rekonstruktion – dem manchmal Für und sehr oft Wider, dem Neben-/Mit- oder Gegeneinander von Sein und Schein zu nähern. Aber das sprengt jeden Rahmen. Außerdem ist es ja nicht nur eine Fragestellung innerhalb der Denkmalpflege.

Es geht um Fragen der Ästhetisierung, Gleichschaltung, Glättung, Verdrängung, um Ideale, Werte, Akzeptanz. Klingt groß, vielleicht ein wenig zu aufgeladen?

Ja, vielleicht… aber was steht hinter dem Wunsch nach Rekonstruktion? Die Nivellierung von Fehlern/ Ereignissen/Entwicklungen der Vergangenheit, die Sehnsucht nach harmonischen Bildern oder doch nur ganz profane wirtschaftliche/Vermarktungsinteressen… (hierzu kann mensch auch mal Mitscherlich, M. & A. lesen) Das ist alles vielleicht menschlich, aber es ist in dem Maße wie diese Sehnsucht, diese Interessen seit einiger Zeit unreflektiert bedient werden, gefährlich.

Grundproblem 1 ist die reale Gefahr, dass Illusionen überhand nehmen und wir irgendwann nur noch von Idealbildern und Illusionen umgeben sind. Das harmonische, einheitliche Denkmalbild oder auch Stadtbild als Ziel. Das Bild, als das einzig Zählende. Authentizität, Substanz, reale Spuren und damit auch Lebenszyklen spielen keine Rolle mehr. Die Komplexität der Denkmalwirklichkeit wird im besten Fall ignoriert, oft aber negiert und/oder bereinigt. Und das Denkmal/Stadtbild transportiert nurmehr ein bereinigtes Geschichtsbild, wenn es überhaupt noch solche Inhalte transportiert und es nicht einfach nur noch um Marktwerte geht

Grundproblem 2: In einer solchen Welt sinkt die Akzeptanz für Unperfektes, Ungerades, für Vielschichtigkeiten, für Risse, Kanten und Haken, für „unharmonisches“ Nebeneinander, für Altersspuren, für Fehlstellen… In solch bereinigten Bilderwelten sinkt auch die Bereitschaft, sich in erhaltene komplexe (Bau-)Strukturen hineinzudenken, die differenzierte Realität differenziert wahrzunehmen.

Jetzt bin ich doch bei den großen Fragen gelandet…zurück zum verlorenen Denkmal

Grundproblem 3:  Von den Befürwortern des Neuaufbaus wird gerade der besondere kulturhistorische Wert des Palais Oppenheim als Argument aufgeführt. Doch, indem man es rekonstruiert, wird gerade die herausragende schöpferische, künstlerische, handwerkliche Leistung geschmälert. Das einzigartige Kulturdenkmal gilt plötzlich als schnell und leicht reproduzierbar, austauschbar. Doch das ist eine Anmaßung. Und ist es denn nicht eine weitaus größere Wertschätzung, wenn man sich am Ort des verlorenen Bauwerkes schon mit Selbigem, aber eben auch mit dem heutigen Ort in seiner Tiefe auseinander setzt und die Geschichte gleichsam der gegenwärtigen Umgebung reflektiert und daraus etwas Neues erdenkt?

 

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