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Stadtbahn 2020 – Teil 2: PFV & Mustereinwendung

Projekte mit kritischem Blick zu prüfen und Details zu hinterfragen, heißt nicht, diese abzulehnen.

Ich will die Stadtbahn 2020 – möglichst schnell.

Kreuzung Nürnberger Straße/Budapester Straße-Chemnitzer am Samstagnachmittag (12.06.2021)

Das Projekt ist wichtig und richtig (und schon in ziemlicher Verzögerung), aber die nun vorliegende Planung ist einfach aus der Zeit gefallen.
Ich habe in meinem letzten Beitrag auf dieser Seite [https://ezoderwitz.wordpress.com/2021/06/03/stadtbahn-2020-planfeststellungsverfahren/] ja schon ein paar Kritikpunkte zusammengefasst und auch die entsprechenden Planungsunterlagen eingestellt.

Mensch findet dort übrigens auch noch einmal den Link zur Präsentation und v.a. Petition des ADFC.

Querschnitte, Versieglungsgrad, Radwegebreite sind die Hauptkritikpunkte.
So sieht die Planung ohne Verbesserungen für Radverkehr massive Querschnittsverbreiterungen vor.
Zwar sind umfassende Neupflanzungen von Straßenbäumen (neu allerdings im Gehweg und nicht mehr in der Grünfläche wie Bestand) geplant, aber dennoch werden 8.106 m² bisheriger un- oder teilversiegelter Flächen neu versiegelt. In dieser Größe sind vereinzelt rückbaubare Flächen und geplanten Baumscheiben im Gehwegbereich bereits eingerechnet sind.

Meinerseits wurde inzwischen eine Einwendung zu einzelnen Planungsansätzen eingereicht.

Wie versprochen habe ich das Ganze aber auch noch einmal als Mustereinwendung verfasst. Sie kann also entsprechend ausgeschlachtet oder im Ganzen für eigene Einwendungen oder auch nur als Denkanstoß verwendet werden. Wichtig ist, sollte ein Interesse an der Beachtung der eigenen Einwendung bestehen, muss diese bis zum 02.07.2021 bei der zuständigen Landesdirektion Dresden eingegangen sein.

Hier die Mustereinwendung: LINK

Fotos: E. Zimmermann; Budapester/Nürnberger Straße; Nürnberger Ei (geschützte Parkanlage gem. SächsDmSchG); Treppe Nossener Brücke SW/Eingang Pulvermühlenpark; Böschungsbewuchs Eingang Pulvermühlenpark; Oederaner/Siebenlehner Straße mit so genannter Schmetterlingswiese li.

Denkmalschutz & Nachhaltigkeit

Das Motto des etwas anderen Tags des offenen Denkmals 2020 „Chance Denkmal: Erinnern. Erhalten. Neu denken. – Nachhaltigkeit und Denkmalschutz“ hat dafür gesorgt, sich mal wieder vordergründiger mit diesem für uns allgegenwärtigen, aber für Laien, Stadtentwickler, PolitikerInnen und ImmobilienwirtschaftlerInnen oft nicht beachteten Aspekt zu beschäftigen.

Unser kulturelles Erbe erhalten – also bewahren im Sinne von konservieren, aber auch in die Zukunft „transportieren“ – ist die zentrale Aufgabe von Denkmalschutz. Denkmalschutz findet dabei aber nicht jenseits aktueller Entwicklungen und Aufgaben statt. Denkmalpflege und Denkmalschutz reflektieren sehr wohl die aktuellen Debatten, Fragestellungen und Entwicklungen im Zeichen von Klimawandel, Ressourcenknappheit, Artensterben, sozialer und anderer Konflikte. Dies zeigt recht plakativ allein ein Blick auf ältere Motti:thema2012_plakat

Schon 2012 widmete sich der Tag des offenen Denkmals dem Bau- und Wertstoff „Holz“ und natürlich auch dem für Klima- und Artenschutz so essentiellen lebendigen Holz. Letzteres war auch bereits 2006, als die so wichtigen Parks und Gärten im Mittelpunkt standen, Themenschwerpunkt. 2018 wurden das Verbindende in unserem kulturellen Erbe bzw. auch das als trennend Wahrgenommene und die sich daraus ergebenden Folgen in den Fokus gerückt. 2019 ging es um Brüche, Umbrüche, Neuerung, die sich im baukulturellen Erbe widerspiegeln und somit nachvollziehbar und auch hinterfragbar bleiben. Schon vor 19 Jahren – 2001 wurde das Thema Bildung und Nachhaltigkeit aufgerufen.

Der bewusste Umgang mit unserem Planeten, unseren Ressourcen und das Bewußtmachen, dass das eigene Handeln Folgen hat – kaum ein anderes Thema ist aktuell so gesellschaftsrelevant. Zu dieser gesellschaftlichen Debatte kann die Denkmalpflege einen wichtigen Beitrag leisten. Denkmale zu erhalten, ist gelebte Nachhaltigkeit im weitesten Sinne des Wortes – sollte es sein. „In der öffentlichen Wahrnehmung gilt Denkmalschutz allerdings oftmals als das Gegenteil: Denkmale seien energetisch problematisch, stehen dem Fortschritt im Weg und seien auch unter ökologisch-wirtschaftlichen Gesichtspunkten eine Herausforderung.“ (Zitat DSD).

Dabei stellt sich Denkmalschutz sehr wohl als zukunftsweisende Aufgabe dar. Sinn und Zweck von Denkmalpflege und Denkmalschutz ist es, die Vielfalt menschlicher Handlungen/Handlungsoptionen, Lebensentwürfe, Visionen, aber natürlich auch der Techniken & Technologien, Ausdrucksmittel, Stile, Materialien, Ansprüche aufzuzeigen. Es gilt Irrwege und Folgen diverser Entwicklungen materiell greifbar zu verdeutlichen. Denkmale zu erhalten heißt also, materielle Wissensspeicher/besondere Lernorte zu bewahren, zugänglich zu machen. Kulturdenkmale halten eben nicht nur Informationen über Vergangenes in oft ungeahnter Breite vor, sondern tragen in sich gleichzeitig ein breites Spektrum an alternativen Lebens-, Ausdrucks- und Produktionsmöglichkeiten. Nicht selten Museum_642_Poesneck„überrascht“ ein altes Gebäude mit fortschrittliche und umweltfreundliche Technologien, die heute wieder Vorbildfunktionen einnehmen können.

Neben diesem Schutz von Wissen, Ideen etc. trägt Denkmalpflege aber auch messbar zum Schutz wertvoller Ressourcen bei. Der Erhalt von Kulturdenkmalen schont Ressourcen. Leider wird auch heutzutage bei Energiebilanzen noch häufig nur auf zukünftige Energieeinsparungsmöglichkeiten geschaut. Die so genannte Graue Energie – also all die Energie zum Gewinnen von Materialien, zum Herstellen und Verarbeiten von Bauteilen, zum Transport von Menschen, Maschinen, Bauteilen und Materialien zur Baustelle, zum Einbau von Bauteilen im Gebäude sowie zur Entsorgung – wird nicht mitbetrachtet. Dabei belasten Abbruch und Neubau die Umwelt oft wesentlich mehr als der Gebäudeunterhalt. Durch die Verwendung heimischer Materialien und durch ressourcenschonendes Bauen lässt sich die im Gebäude verbaute graue Energie minimieren. „Eine Sanierung von Bestehendem ist vielleicht nicht immer die schnellste Lösung und sie benötigt genaue Planung – aus Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit ist sie jedoch mehr als lohnend. Gegenüber einem Neubau lassen sich bei Sanierungen rund zwei Drittel an Material einsparen. Entgegen der in der Öffentlichkeit verbreiteten Auffassung schneiden Renovierung und Anpassung von Gebäuden bei ganzheitlicher Bewertung von Baustoffen, Produktionsprozessen und Wiederverwertungsmöglichkeiten in der Regel deutlich besser ab als Abbruch und Neubau. Ein weiterer Vorteil: Bislang unberührte Grünflächen bleiben von Bebauung deutlich stärker verschont, wenn der Bestand optimal genutzt und erneuert bzw. denkmalgerecht saniert wird.“ (Zitat DSD) Die Verwendung traditioneller Handwerkstechniken geht zudem meist mit dem Gebrauch von nachhaltigen Baustoffen einher. Historische Materialien sind oft nicht nur umweltverträglicher, sie sind häufig auch ressourcenschonender in der Herstellung. Und schließlich sorgen so genannte „Denkmalhöfe“ mit ihren historischen Baustofflager dafür, dass wertvolle Bauteile und Materialen wiederverwendet werden.

Auch Naturdenkmale wie denkmalgeschützte Bäume, historische Gärten und Parks, Alleen oder die Grüngürtel um geschützte Ortslagen machen Denkmalschutz zu einem Synonym für Nachhaltigkeit. VolksparkUnsere Städte werden dichter und historische Grünflächen damit immer wichtiger. Sie steigern die Aufenthaltsqualität und leisten einen wichtigen ökologischen Mehrwert, denn sie sorgen für die Zirkulation von Frischluft und bieten Lebensraum für Tiere und Pflanzen – oft haben alte Pflanzenarten nur noch hier ihren Freiraum. Grünflächen, Parkanlagen, Friedhöfe gewinnen als landschaftlich Freiräume und Naturoasen immer größere Bedeutung. Pflege und Erhalt dieser grünen Kulturdenkmale stehen gefühlt in einem enormen Spannungsfeld. Dabei können Naturschutz und Denkmalschutz sehr gut Hand in Hand gehen. Siehe hierzu auch : https://denkmalanbesonderebaeume.wordpress.com/gemeinsam-nachhaltig-handeln-denkmalschutz-und-naturschutz/

Es lohnt sich also, dem kulturellen Wert und dem Nachhaltigkeitsaspekt von Denkmalschutz gegenüber kurzzeitig wirkenden wirtschaftlichen Erwägungen die gebührende Priorität einzuräumen.

Entdecken, was uns verbindet

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Der Tag des offenen Denkmals wird in der Bundesrepublik von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz koordiniert. Er wird aber europaweit begangen. Seit 1999 gibt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz für den Tag des offenen Denkmals ein Motto/Leitthema aus, dem sich Kommunen anschließen können.

Ziel dieser bundesweiten Veranstaltung ist es, die Öffentlichkeit für die Bedeutung des kulturellen Erbes zu sensibilisieren, Interesse und Verständnis für die Belange der Denkmalpflege zu wecken, aber v.a. auch den Denkmaleigentümern, Restauratoren, ehrenamtlich Engagierten die gebotene Anerkennung zukommen zu lassen. Denn Denkmalschutz und Denkmalpflege funktionieren nur miteinander.

 

Entdecken, was uns verbindet“ – der Tag des offenen Denkmals im Europäischen Kulturerbejahr 2018

Entdecken, was uns verbindet“ – unter diesem Motto steht der bundesweite Tag des offenen Denkmals 2018. Damit nimmt er direkten Bezug zum Europäischen Kulturerbejahr „Sharing Heritage – Erbe teilen“, das von der Europäischen Union für 2018 ausgerufen wurde. Im Mittelpunkt steht das Erleben, die Erfahrung, Erfassung und Bewahrung unseres aus kulturellem und sozialem Austausch gewachsenen vielfältigen kulturellen Erbes. Ein breites Spektrum an Projekten innerhalb des Themenjahres und viele Veranstaltungen am Tag des offenen Denkmals möchten in Europa und eben auch vor der jeweils eigenen Haustür dazu anregen, das Verbindende zu entdecken – in Materialien, Formensprachen, Technologien, Utopien, Gebäuden und Personen…, aber auch anregen, Trennendes, Ausgrenzendes und Zerstörendes wahrzunehmen und zu reflektieren.

Als Universitätsstadt lebt Jena nicht nur von geistigem und kulturellem Austausch, sie ist darauf angewiesen und hat reichlich davon profitiert. Zeugnisse dieses Austausches sind dementsprechend auch an vielen Orten zu finden. Manche sind inzwischen Kulturdenkmal und warten drauf von Ihnen entdeckt und erfahren zu werden.

Das Programm in Jena

Wie jedes Jahr ist das Motto so gewählt, dass sich eine große Anzahl an Assoziationen und Anknüpfungspunkten finden lässt. Seien es der Fluss, das Wegenetz oder Verbindungsbauten, Ideen und Utopien wie jene der Reformation oder auch jüngere sozial- und lebensreformerische oder seien es eben auch Formensprachen und Technologien. Manchmal schlägt Architektur bewusst Brücken zu Vergangenem und verbindet so Tradition und Moderne, manchmal grenzt sie sich aber auch ebenso bewusst ab.

Wir haben versucht, gemeinsam mit „unseren“ engagierten Denkmaleigentümern, Handwerkern und Restauratoren ein dem Motto angemessenes buntes Programm aufzustellen. Allein am Sonntag können dank der breiten Unterstützung rund 30 Kulturdenkmale im gesamten Stadtgebiet erkundet werden.

So öffnet die Universität – nachdem sie im vergangenen Jahr absagen musste – das Universitätshauptgebäude. Frau Dr. Forster, Kustodin der FSU, wird hier 10:30 und 12:00 Uhr Führungen anbieten. Das Universitätshauptgebäude wurde zwischen 1905 und 1908 an Stelle des niedergelegten Schlosses errichtet. Entworfen von dem renommierten Architekten und Stadtplaner Prof. Theodor Fischer, rezipiert es Grundriss und Formensprache des Schlossbaus ohne selbst zu einem historistischen Kitsch zu verkommen. Gleichzeitig wird in der Freiflächengestaltung auf die ehemaligen Wehranlagen verwiesen. Ein reichhaltiger Bauschmuck, der verschiedene Einflüsse widerspiegelt, eine aufwendige Innengestaltung und verschiedene eingearbeitete Spolien aus dem abgetragenen Schloss erheben den Gebäudekomplex zu einem Gesamtkunstwerk. Im vergangenen Jahr wurde im Übrigen das seit den 1950er Jahren an der Stirnseite der Aula befindliche Monumentalgemälde Ferdinand Hodlers „Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg von 1813“ restauriert und danach erstmals außerhalb Jenas in der Bonner Kunsthalle gezeigt. Auch über diese Arbeit werden Sie am Sonntag einiges erfahren.

Im vergangenen Jahr kurzfristig ebenfalls absagen musste das Thüringer Landesamt für Bau und Verkehr. Wie versprochen öffnet das ThLBV aber in diesem Jahr wieder die Alte Autobahnbrücke der BAB 4 in Göschwitz. Von 10:00 bis 14:00 Uhr kann man in das Innere der Brücke „eintauchen“ und interessante Präsentationen sehen. Die mit 794m längste Brücke des so genannten Reichs-Autobahnprogramms in Thüringen wurde von 1937-1939/41 aus Stampfbeton, Stahlbeton und Klinker errichtet. Zudem kamen 18.000 m³ Kalk- und Sandstein als Baumaterial zum Einsatz, mit denen der Bau verkleidet und entsprechend skulptural und ornamental gestaltet wurde. Wuchtig, trotzig und massiv sollte die Brücke wirken und sich gleichzeitig harmonisch in die Landschaft einfügen. Als Vorbild galten die Bauten des antiken Rom. Die Brücke war mehr als ein Verkehrsbau, sie war symbolisch und ideologisch aufgeladen. Selbst die Wasserspeier in abstrahierter Form des Reichsadlers verweisen auf den hohen symbolischen Gehalt des Brückenbaus.

Um Brücken geht es unter anderem auch bei der Radtour entlang der Saale. Als Stadt am Fluss bietet Jena viele Anknüpfungspunkte an das Motto des Denkmaltages. Das Miteinander und die Auseinandersetzung mit der Saale als verbindendem Verkehrsweg, als zu überbrückendes natürliches „Hindernis“ oder als Energie- und Rohstofflieferant brachte eine Vielzahl an materiellen Zeugnisse hervor, von denen einige Kulturdenkmale sind. Prägend für den Landschaftsraum sind dabei die großen Brücken über die Saale: im Zentrum die Camsdorfer Brücke, deren Vorgängerbau zu den 7 Wundern von Jena zählte, südlich die alte Burgauer Brücke, die heute als substantiell älteste Brücke im Stadtgebiet Jenas gilt und eben die schon erwähnte Autobahnbrücke bei Göschwitz. Die Tour beginnt 9:30 Uhr an und in der Kirche Kunitz. Sie führt vorbei am Thalstein mit seinem Erlkönig durch Wenigenjena zu Camsdorfer Brücke und Landfeste, durch den Volkspark Oberaue über die Burgauer Brücke zum Kraftwerk. In der Binderburg wird uns Herr Willsch eine Kurzführung geben. Dabei wird erzählt und gezeigt. Niemand muss die ganze Strecke mitfahren, aber ein zeitgenauer Plan kann leider auch nicht gegeben werden.

Verbindend auf der einen Seite, ausgrenzend auf der anderen Seite stellt sich die mittelalterliche Stadtbefestigung dar. Ihre einstigen Dimensionen lassen sich heute nur noch anhand der Reste auf der westlichen Altstadtseite erschließen. Johannistor und der in diesem Jahr sanierte Pulverturm haben ganztägig geöffnet. 11:00 Uhr gibt es eine Führung vom Pulverturm zum Anatomieturm (mit Besichtigung des selbigen) mit dem Jenaer Stadtarchäologen Matthias Rupp.

Denkmale der Religionsgeschichte

Religionen können verbinden, aber leider auch ausgrenzen. Sie können Nächstenliebe befördern, aber auch Hass und Gewalt. In Jena beteiligen sich zahlreiche religionsgeschichtlich bedeutsame Orte am Tag des offenen Denkmals. Da wären zum Beispiel die im vergangenen Jahr nach denkmalgerechter Sanierung der Öffentlichkeit zugänglich gemachten baulichen Reste des ehemaligen Karmelitenklosters. Nach Aufhebung des erst 1414 gegründeten Klosters im Ergebnis der Reformation wurde in den Räumlichkeiten ab 1553 im Auftrag Herzogs Johann Friedrich von Sachsen eine Druckerei eingerichtet. Diese diente der Publikation einer neuen Gesamtausgabe des Lutherwerkes. Dazu erteilte der Herzog im November 1553 dem Buchdrucker Johann Rödinger das Privileg zum alleinigen Druck und Vertrieb von Luthers Schriften. Ab 1555 entstanden hier unter Aufsicht von Georg Rörer und Nicolaus von Amsdorf deutsche und lateinische Teile der Jenaischen Ausgabe der Schriften Martin Luthers sowie eine korrigierte Lutherbibel. Daneben wurden in dem ehemaligen Kloster zahlreiche weitere Werke der Reformation gedruckt. Heute sind Sakristei und Kapitelsaal als authentischer Ort klösterlichen Lebens sowie der Reformbestrebungen des 16. Jh. für die Öffentlichkeit wieder erlebbar und präsentieren den Besuchern zudem spannende archäologische Funde, Archivalien und anderen Dokumenten der Stadt- und Reformationsgeschichte. Das Kloster ist von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet, 11:00 und 15:00 Uhr bietet Dr. Häder, Leiter des Stadtmuseums Jena Führungen an.

Am anderen Ende der Stadt liegt ein weiterer überregional bedeutsamer Ort der Religions-, aber auch Wissenschafts- und Wirtschaftsgeschichte: das Alte Gut Zwätzen. Es hat seinen Ursprung in der Komturei Zwätzen des Deutschen Ritterordens, die 1221 erstmals urkundlich erwähnt wurde. In der 1. Hälfte des 13. Jh. wird Zwätzen aufgrund seiner Bedeutung Verwaltungszentrum der neu eingerichteten Ballei Sachsen-Thüringen und bleibt trotz späteren wirtschaftlichen Niedergangs bis 1809 Sitz des Landkomturs. Die Niederlassung Zwätzen entwickelte sich spätestens im 16. Jh. zu einer großflächigen Gutsanlage, die in ihrer Grundstruktur trotz Überformung bis heute erhalten ist. Nach der Auflösung des Ordens gelangte das Gut zunächst in sächsisch-königlichen Besitz und 1815 in den Besitz des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. In dieser Zeit kam auch die alte Zwätzener Tonröhren-Fabrik aus der Ordenszeit zu neuen Ehren, in der man seit etwa 1770 neben Krügen und Ofenkacheln auch Drainageröhren gebrannt hatte. Oberbaudirektors Coudray, zuständig für die Koordination des gesamten Wege-, Wasser- und Zivilbauwesen im Großherzogtum, ordnete nach einer Besichtigung im Jahre 1818 die Wieder-Inbetriebnahme an. Neue „Röhrenfahrten“ mit Tonröhren aus Zwätzen wurden daraufhin u.a. im Botanischen Garten, aber auch auf der Strecke zwischen Belvedere und Römischen Schloss in Weimar angelegt. Entdecken, was uns verbindet – manchmal sind es eben Tonröhren. Durch Pacht und Gewährleistungen wurde das Gut Zwätzen übrigens ab der 1. Hälfte des 19. Jh. über verschiedene politische Systeme hinweg für die landwirtschaftliche Ausbildung und Forschung genutzt. Unter anderem nahm hier die Haflingerzucht der DDR mit der Stationierung aus Tirol importierter Zuchttiere ihren Anfang. Derzeit steht der Guts-Komplex steht vor einer umfassenden Umnutzung und Sanierung. Das Gut ist von 10:00 bis 17:00 Uhr geöffnet.

Dass Kirchen und Friedhöfe dabei sind, versteht sich. Das reichhaltige Programm an Vorträgen und Konzerten, das in der Stadtkirche St. Michael und auch auf dem Johannisfriedhof geboten wird, sollten sich Besucher in der Broschüre genauer ansehen. Geöffnet haben aber auch die wundervolle mit herrlichen Secco-Malereien ausgestattete Kirche St. Peter in Lobeda (10:00 – 17:00 Uhr), die vorwiegend im 15. Jh errichtete Kirche St. Marien in Ziegenhain mit ihren Wandmalereien an der Nordwand, dem gotischen Flügelaltar und dem barocken Pyramidenaltar (10:00 – 17:00 Uhr), die 1716-1718 als Ersatz für einen älteren Bau errichtete Kirche in Winzerla (10:00 – 18:00 Uhr) sowie die Dreifaltigkeitskirche in Burgau (10:00 – 18:00 Uhr).

Park- und Gartenanlagen

Eine besondere Denkmalkategorie sind die historischen Park- und Gartenanlagen. Drei dieser Parks sind in diesem Jahr dabei. Dr. Schlotter von der Friedrich-Schiller-Universität führt um 11:00, 13:00 durch Schillers Gartenhaus mit Garten, der Volkspark Oberaue ist Thema bei der Radtour und im Drackendorfer Park stellen Frau Winkler vom Landschaftsarchitekturbüro Boock und der städtische Baumschützer Herr Ecke 11:00 Uhr und 13:00 Uhr die zur Umsetzung des Entwicklungs- und Pflegekonzeptes geplanten Maßnahmen vor. Außerdem wird der Heimatverein wieder vor Ort sein Geschichte und Geschichten von und aus Drackendorf erzählen.

Baustellen

Baustellen-Führungen gehören zu den Lieblingskategorien am Tag des offenen Denkmals. Glücklicherweise konnten wir auch wieder einige Bauherren überzeugen, Ihre Baustellen zu öffnen:

Eine der derzeit größten Baustellen und gleichzeitig eine der interessantesten Anlagen ist das Volkshaus am Carl-Zeiß-Platz. Das zwischen 1901 und 1903 auf Initiative von Ernst Abbe nach Plänen Arwed Roßbachs entworfene Gebäudeensemble sollte der „Belehrung und geistigen Anregung der Arbeiter“ dienen. Derzeit laufen umfangreiche Sanierungsmaßnahmen an der Fassade und im Inneren des Saalgebäudes. Die Projektverantwortlichen werden diese in Führungen erläutern. 11:00, 11:30, 12:00 und 12:30 gibt es Führungen zu Innensanierung und Umbau (max. je 25-30 Personen), 11:00, 11:20, 11:40, 12:00, 12:20 und 12:40 zur Fassaden und Dachsanierung (max. je 10 Personen). Aufgrund der notwendigen Begrenzung sind Voranmeldungen erforderlich. Diese werden am 06.09. von 9:00 bis 12:00 und von 14:00 bis 17:00 unter der Telefonnummer (03641) 49-5141 oder per mail denkmalamt@jena.de entgegen genommen.

Spannend sind die bisherigen restauratorischen Befunde in der Villa Medusa (Ernst-Haeckel-Haus). Das im Stil einer römischen Renaissance-Villa errichtete einstige Wohnhaus Haeckels wurde seit 1920 als Museum für dne wissenschaftlichen und künstlerischen nachlass Haeckels genutzt. Für die anstehende Sanierung sind umfangreiche restauratorische Untersuchungen zur originalen Raumgestaltung vorgenommen worden. Dipl.Restaurator M. Bruckschlegel wird Ergebnisse dieser Arbeit bei führungen 10:00 und 11:30 Uhr vorstellen.

Bauhaus

In einem anderen Villenviertel – am Landgrafen – öffnet die in ihrer Gestaltung dem Geist des Bauhauses folgende Villa Weinbergstraße 18 Ihre Pforten. Schreiter & Schlag konzipierten das Wohnhaus für die Familie von Prof. Mentz. Seine Gattin war die Malerin und Graphikerin Frieda Mentz-Kessel. Einige ihrer Arbeiten zieren noch heute die Wände des Hauses. 11:00, 13:00 und 15:00 Uhr bieten die heutigen Eigentümer, Familie Misselwitz, Führungen durch das Haus an.

Weil wir grad bei „Bauhaus“ sind. Das nach Plänen des Gropius-Schüler Ernst Neuffert errichtete Abbeanum öffnet ebenfalls. 14:00 und 15:00 Uhr kann man an Führungen durch das Lehr- und Forschungsgebäude auf dem Helmholtzweg teilnehmen.

Industriebau

Jena ist seit 150 Jahren eine Industriestadt. Die Industriebauten von Zeiss und Schott waren einst wegweisend in ihrer Technologie und Ästhetik. Bei den Architektur-Führungen im ehemaligen Zeiss-Hauptwerk kann man sich 10:00, 11:00, 14:00 und 14:30 davon ein Bild machen. Besichtigt werden Bau 7, 10 (mit Werksstaernwarte), 29 und die Dachterrasse des Verwaltungshochhauses.

Von Nord nach Süd und Ost nach West

Schließlich sei noch auf unsere Ortschaften verwiesen: In Jenaprießnitz öffnet der hiesige Verein das Kommunbrauhaus von1764 von 10:00 bis 17:00 Uhr. In Laasan kann vor der anstehenden Sanierung von 10:00 bis 16:00 Uhr das Rat- und Brauhaus besichtigt werden. In Lobeda erläutert der Förderverein die Sanierungsmaßnahmen im Gasthaus „Zum Bären“. Eintreten kann man hier von 11:00 bis 15:00 Uhr.

Und auch die Berggesellschaften unterstützen diesen Tag: Auf dem Landgrafen gibt es Erläuterungen zur Geschichte und Arbeit des Verschönerungsvereins und der Berggesellschaften, Forstturm und Bismarckturm regen zum Nachdenken über Erinnerungskultur an und bieten „nebenbei“ schönste Aussichten. Und in der ForstSternwarte können Sonnenbeobachtungen durchgeführt werden .

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Von Authentizität und Illusion – Gedanken zu den Wiederaufbauplänen „Palais Kaskel-Oppenheim“

Das Palais Oppenheim, 1845-1848 nach Plänen Gottfried Sempers auf dreieckigem Grundriss im Stil der Neorenaissance für den aus Königsberg stammenden Bankier Martin Wilhelm Oppenheim errichtet, zählte zweifelsfrei zu den kultur- und architekturgeschichtlich besonders wertvollen Profanbauten Dresdens.

Detailliert dem Vorbild italienischer Palazzi folgend und doch in besonderer Weise die örtlichen Gegebenheiten reflektierend, zeichnete der Bau ein Ideal der Villenarchitektur des 19. /frühen 20. Jh. Gleichzeitig entwickelte sich das Oppenheimsche Palais zu einem Zentrum des geistigen und kulturellen Austauschs.

Gebäude und Gartenanlage wurden im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt. Von dem Palais standen fast nur noch die Umfassungsmauern.

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© SLUB / Deutsche Fotothek / Hahn, Walter
Lizenz: Freier Zugang – Rechte vorbehalten.

Aufgrund der herausragenden, überregionalen Bedeutung des Baus für die Architektur- und Kulturgeschichte bemühten sich Denkmalschützer, insbesondere Dr. Hans Nadler (Landesamt für Volkskunde und Denkmalpflege Sachsen), zumindest diese Substanz zu sichern und zu erhalten. Im April 1951 wurde die überkommene Substanz jedoch zugunsten eines geplanten, später nie realisierten Pionierpalast-Baus gesprengt.
→ zur kultur- und kunstgeschichtlichen Würdigung des Palais Oppenheims siehe
www.gottfriedsemperclub.de/…/P.O.%20Bedeutung%20%20B-Pl.%20389%20A,.pdf
• Laudel, Heidrun: Gottfried Semper – Architektur und Stil, Dresden 1991
• Dies.: Bauen in Dresden im 19. und 20. Jahrhundert, Dresden 1991
• Dies.: Werkkatalog Gottfried Semper. In: Gottfried Semper 1803–1879, 2003

Nun soll das Palais wieder aufgebaut werden. Der Ausschuss für Stadtentwicklung und Bau beschloss am Mittwoch, d. 31.01. 2018 einstimmig, als ersten Schritt die planungsrechtlichen Möglichkeiten für den Wiederaufbau des Palais Oppenheim zu sichern.
→ vgl. http://www.dnn.de/Dresden/Lokales/Palais-Oppenheim-soll-auferstehen
http://www.sz-online.de/nachrichten/erster-schritt-zum-palais-oppenheim-3871500.html

Jubel, all überall!? …nun ja… Verglichen mit den Diskussionen um Rekonstruktion und Authentizität angesichts des Wiederaufbaus der Frauenkirche und des sich anschließenden etwas sonderbaren „Wiederaufbaus“ des Neumarkts bei gleichzeitiger Beseitigung überkommener Bausubstanz zugunsten von Tiefgaragen herrscht jetzt großes Schweigen. Und ja – viell. ist ja tatsächlich alles gesagt.

Dennoch finde ich die etwas sehr unkritische Befassung/Auseinandersetzung mit dem Thema Rekonstruktion schade, ein wenig enttäuschend sogar. Insbesondere angesichts der Vielzahl an zu hinterfragenden Rekonstruktionsplänen in Potsdam, Berlin und Dresden (das Narrenhäusel ist ja auch schon beschlossene Sache).

Man könnte jetzt einen sehr langen Ritt durch die Geschichte der Denkmalpflege antreten, um sich der Problematik von Rekonstruktion – dem manchmal Für und sehr oft Wider, dem Neben-/Mit- oder Gegeneinander von Sein und Schein zu nähern. Aber das sprengt jeden Rahmen. Außerdem ist es ja nicht nur eine Fragestellung innerhalb der Denkmalpflege.

Es geht um Fragen der Ästhetisierung, Gleichschaltung, Glättung, Verdrängung, um Ideale, Werte, Akzeptanz. Klingt groß, vielleicht ein wenig zu aufgeladen?

Ja, vielleicht… aber was steht hinter dem Wunsch nach Rekonstruktion? Die Nivellierung von Fehlern/ Ereignissen/Entwicklungen der Vergangenheit, die Sehnsucht nach harmonischen Bildern oder doch nur ganz profane wirtschaftliche/Vermarktungsinteressen… (hierzu kann mensch auch mal Mitscherlich, M. & A. lesen) Das ist alles vielleicht menschlich, aber es ist in dem Maße wie diese Sehnsucht, diese Interessen seit einiger Zeit unreflektiert bedient werden, gefährlich.

Grundproblem 1 ist die reale Gefahr, dass Illusionen überhand nehmen und wir irgendwann nur noch von Idealbildern und Illusionen umgeben sind. Das harmonische, einheitliche Denkmalbild oder auch Stadtbild als Ziel. Das Bild, als das einzig Zählende. Authentizität, Substanz, reale Spuren und damit auch Lebenszyklen spielen keine Rolle mehr. Die Komplexität der Denkmalwirklichkeit wird im besten Fall ignoriert, oft aber negiert und/oder bereinigt. Und das Denkmal/Stadtbild transportiert nurmehr ein bereinigtes Geschichtsbild, wenn es überhaupt noch solche Inhalte transportiert und es nicht einfach nur noch um Marktwerte geht

Grundproblem 2: In einer solchen Welt sinkt die Akzeptanz für Unperfektes, Ungerades, für Vielschichtigkeiten, für Risse, Kanten und Haken, für „unharmonisches“ Nebeneinander, für Altersspuren, für Fehlstellen… In solch bereinigten Bilderwelten sinkt auch die Bereitschaft, sich in erhaltene komplexe (Bau-)Strukturen hineinzudenken, die differenzierte Realität differenziert wahrzunehmen.

Jetzt bin ich doch bei den großen Fragen gelandet…zurück zum verlorenen Denkmal

Grundproblem 3:  Von den Befürwortern des Neuaufbaus wird gerade der besondere kulturhistorische Wert des Palais Oppenheim als Argument aufgeführt. Doch, indem man es rekonstruiert, wird gerade die herausragende schöpferische, künstlerische, handwerkliche Leistung geschmälert. Das einzigartige Kulturdenkmal gilt plötzlich als schnell und leicht reproduzierbar, austauschbar. Doch das ist eine Anmaßung. Und ist es denn nicht eine weitaus größere Wertschätzung, wenn man sich am Ort des verlorenen Bauwerkes schon mit Selbigem, aber eben auch mit dem heutigen Ort in seiner Tiefe auseinander setzt und die Geschichte gleichsam der gegenwärtigen Umgebung reflektiert und daraus etwas Neues erdenkt?

 

„Macht und Pracht“ – ein paar wenige Gedanken zum Motto für den Tag des offenen Denkmals 2017

Das Motto 2017

Das Motto „Macht und Pracht“ widmet sich der Frage nach der Sichtbarkeit bzw. Ablesbarkeit von Machtverhältnissen in unserer gestalteten Umgebung.

Architektur ist eine offensichtliche und machtvolle Form der Massenkommunikation. Sie ist ein Spiegel von Macht und Ohnmacht, von Machtstrategien, Machtverfestigung und -verlusten sowie der jeweiligen Auswirkungen auf jene, die sie ausüben und die ihr unterliegen.

Architektur wirkt daher auch auf unser Bewusstsein, weckt Assoziationen, zeigt uns Unzugänglichkeiten, Zugänge, Grenzen und Möglichkeiten auf. Ein Aspekt, den Stadtplanung beachten sollte. Genannt werden sollen hier nur beispielhaft Begriffe wie Uniformierung, Individualiserung, Erniedrigung, Ernüchterung, Animation, Wohlfühlen, Abschreckung, Abwehr, Einladung etc.

Doch nicht nur die Architektur, sondern auch der Umgang mit dem gebauten Erbe in sich wandelnden Gesellschaften drückt Machtverhältnisse, aber eben auch Ängste vor Machtverlust, Zweifel an eigener Überzeugungsmacht etc. aus. Dies zeigt sich immer wieder in den Debatten um den Umgang mit so genannten unbequemen Denkmalen oder mit unauffälligen Denkmalen des Alltags. Insofern ist das Thema grundlegend, zugleich aber auch hoch komplex, widersprüchlich und nicht selten spannungsgeladen (die letzten Adjektive entstammen dem Sonderheft der Monumente zum Tag des offenen Denkmals 2017).

Neben den Baudenkmalen symbolisieren natürlich auch Denkmäler im engeren Sinne das Motto Macht und Pracht mit seinen Antonymen. Und auch hier ist unbedingt der Umgang mit diesen bewusst zum Zwecke der Erinnerung gesetzten Malen zu betrachten.

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Alternativen aufzeigen – Vielfalt bewahren

…ist ein Grundanliegen von Denkmalschutz und eine wichtige kulturpolitische und soziokulturelle Aufgabe.

Denkmalschutz muss nicht nur wegen seiner Befassung mit dem persönlichen Eigentum Dritter permanent begründet, legitimiert werden. Allzu oft wird Denkmalschutz mit seiner zentralen Aufgabe des Bewahrens/Konservierens mit purem Konservativismus gleichgesetzt. Das ist allerdings ein wenig sehr kurz gedacht.

Natürlich konservieren wir Substanz.

Sinn und Zweck ist dabei aber nicht, das Bild einer vermeintlich besseren heilen Vergangenheit zu bewahren oder gar wieder zu erschaffen. Es gilt die Vielfalt menschlicher Handlungen/Handlungsoptionen, Lebensentwürfe, Visionen, aber natürlich auch – etwas heruntergebrochen – der Technologien, Ausdrucksmittel, Stile, Ansprüche aufzuzeigen. Es gilt Irrwege und Folgen diverser Entwicklungen materiell greifbar zu verdeutlichen.

Kulturdenkmale treten dabei als besondere Lernorte in Erscheinung, die nicht nur Informatio­nen über Vergangenes in einer oft ungeahnten Breite vorhalten, sondern in sich gleichzeitig ein breites Spektrum an alternativen Lebens-, Ausdrucks- und Produktionsmöglichkeiten tra­gen. Diese Vielfalt mag mitunter verstören und erschrecken, mit ihr umzugehen bzw. sie zu respektieren, anzuerkennen und als Quell von Kreativität, Individualität aber immer auch für Entwicklung von Empathie zu begreifen, ist für unsere Gemeinwesen jedoch essentiell. (! Diese kluge Beschreibung ist nicht gänzlich von mir. Sie hat sich nur in meinem Kopf ganz tief festgesetzt, ohne dass ich mir die Quelle je aufgeschrieben habe. Ich bitte um Nachsicht)

Denkmalschutz stellt sich damit nicht nur als eine vergangenheitsorientierte, sondern v.a. als zukunftsweisende Aufgabe dar. Und er ist Teil unserer kulturellen Bewusstseinsbildung.

So weit gefasst verstehe zumindest ich meine Aufgabe als Denkmalschützerin und deswegen wird auch gerade um unbequeme, nicht sofort (er-)fassbare, nicht unbedingt „schöne“/“prächtige“ Denkmale gerungen. Untere Denkmalschutzbehörden haben meiner Ansicht nach nicht nur die Aufgabe, denkmalfachliche und denkmalschutzrechtliche Standards zu formulieren und durchzusetzen. Sie haben auch die Möglichkeit, aufklärend und vermittelnd zu agieren. Sie können in einer Welt, in der ökonomische Zwänge immer stärker Druck ausüben und Eile gebieten, Räume mit Events überzogen werden, Denkmälern und Stadträumen bzw. Initiativen den entsprechenden Raum und die nötige Zeit für eine sanfte ggf. alternative Entwicklung geben. Dafür nötig ist eine Zusammenarbeit mit den Engagierten vor Ort, mit Eigentümern und Enthusiasten, Interessierten. Denkmalpflege muss daher als zentraler Bestandteil einer integrativen nachhaltigen Stadtentwicklung verortet werden. Es ist keine rein behördliche Aufgabe. Soziale Aspekte wie Milieuschutz spielen ebenso eine Rolle wie Integration, soziale Gerechtigkeit, Umwelt- und Naturschutz und der Erhalt kreativer Freiräume oder Identität stiftender Orte und Räume.

Denkmalschutz und Denkmalpflege sind gleichzeitig „vitaler Bestandteil unseres kulturell geprägten Lebensraumes“ und damit Teil praktischer kultureller resp. Stadt-Ökologie. (Prof. Thomas Will)

Dieser Zuschreibung von Aufgaben an den Denkmalschutz liegt der weiter gefasste Begriff des Denkmals zugrunde, der wiederum auf der Erkenntnis beruht, dass auch und gerade vielen nicht zum Zwecke der Erinnerung geschaffenen Objekten Informations- und Aussagewerte innewohnen, deren Erhalt im öffentlichen Interesse liegt.

 

 

Wie Pegasus über Grenzen fliegen und fremde Welten kennenlernen oder Bildung ist nicht alles, aber ein ganz wichtiges Fundament in allen Bereichen

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an/in Kulturdenkmalen sehen lernen – Klippenstein

Je früher Kinder an Themen und Probleme der nachhaltigen Entwicklung herangeführt werden, desto selbstverständlicher wird ihr späterer kritischer und engagierter Umgang mit den großen ökologischen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit werden. Diese Erkenntnis, von der UNESCO in Bezug auf ihre Schulen geäußert, betrifft natürlich auch den Umgang mit dem kulturellen Erbe, in dem sich nicht zuletzt auch oben genannten Herausforderungen widerspiegeln.

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Quedlinburg – bedingt auf KInder eingestellt, aber spannend

Deswegen ist es so wichtig, sich die Zeit zu nehmen und gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen die Themen zu erkunden, zu erfahren, zu diskutieren.

Im Bereich der Denkmalpflege gibt es seit vielen Jahren Schulprogramme, mit deren Hilfe, Schüler einerseits Sinn, Motivation und Notwendigkeit von Denkmalpflege und Denkmalschutz kennen- und (hoffentlich) verstehen lernen, sich andererseits aber auch ganz konkret mit Kulturdenkmalen beschäftigen, sie unmittelbar erfahren.

In Sachsen ist dies seit 1995 das Programm „Pegasus – Schulen adoptieren Denkmale“. Entstanden aus einem europäischen Projekt, das 1994 als 3jähriges Pilotprojekt „L´Ecole adopte un Monument“ von der Kulturstiftung des Europäischen Parlaments, die PEGASUS FOUNDATION – FONDATION PÈGASE, ins Leben gerufen wurde. Zwölf Staaten der Europäischen Union (EU) nahmen an dem Projekt teil. Je eine Stadt eines jeden Landes wurde ausgewählt.

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unvergesslich – auch dank der unglaublich engagierten, kindgerechten Führung, der nachträglichen Erzählungen und Erklärungen: Altenberg im fast UNESCO-Weltkultureerbe Montanregion Erzgebirge

Deutschlands erster Teilnehmer hieß Dresden. Seither beteiligen sich jedes Schuljahr Dutzende Schulen an dem Projekt, erkunden ihre Umwelt.

siehe hierzu ausführlich: http://www.schule.sachsen.de/pegasus/index.htm

In Thüringen gibt es ein solches Landesprogramm bis heute nicht (als einem der wenigen BL)

Aber zum Glück gibt es das bundesweite Schulprogramm „denkmal aktiv – Kulturerbe macht Schule“ der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. vgl.  http://denkmal-aktiv.de/

Im Rahmen dieses Programms beschäftigen sich Teams aus Schülerinnen und Schülern, Lehrern und fachlichen Partnern (Denkmalschutz- und -fachbehörden, Handwerker, Architekten, Eigentümer, Bauforscher, Restauratoren usw.) anhand eines konkreten Kulturdenkmals in ihrem Umfeld mit gebauter Geschichte, aber auch den Grundlagen von Denkmalpflege. Toller Nebeneffekt: allmählich baut sich – gerade durch die Verbundverpflichtung – ein Netzwerk an engagierten Denkmalschützern auf: von Schülern bis Rentnern.

Fragen, denen dabei nachgegangen wird, sind u.a.:

  • Was sind überhaupt Kulturdenkmale und worin besteht ihr Wert?
  • Was erzählen die Bauwerke über die Menschen, die hier gelebt, gelernt oder gearbeitet haben?
  • Wo finde ich Spuren, die etwas über die Baugeschichte verraten, und was erfahre ich über Baumaterialien und handwerkliche Techniken?
  • Welche historischen Bauten und Anlagen und damit verbundene Überlieferungen sollten erhalten werden und warum?
  • Was kann ich zum Erhalt des kulturellen Erbes beitragen?

Für das Schuljahr hatte sich unter Federführung des BSZS Göschwitz – hier die Klasse B 14 (Betonbauer im 3. Lehrjahr) mit Maik Sterzing als unersetzlichem Lehrer – ein Jenaer Schulverbund aus BSZS Göschwitz, Leonardo Gesamtschule und Gemeinschaftsschule Wenigenjena mit dem Thema „Imaginata – Ein Umspannwerk ständig unter Strom“ beworben.

Prüssingvilla

Wohn- und Verwaltungsgebäude Prüssing Zementfabrik Göschwitz, 1897-1919

Ausgangspunkt waren der vorangegangene Tag des offenen Denkmals und Führungen meinerseits für die Betonbau-Klassen durch das Kulturdenkmal Prüssingvilla (Wohn- und Verwaltungshaus der ehemaligen Sächsisch-Thüringischen Cement-Fabrik Göschwitz).

So verschieden die Ausgangssituation der 3 Schulen, das Alter, die Interessen und die Möglichkeiten waren, es hat sooooooo unheimlichen Spaß gemacht, die coolen Teenies zu sehen, wie sie sich entgegen allen Posen eben doch begeistern und hinein knien und an ihrem Denkmal noch immer ungesehene Besonderheiten entdecken. Es ist toll, wenn einem von einer Baustelle ein Lehrling, der gleichzeitig Schüler am BSZS ist, entgegen läuft und vor Aufregung kaum Luft bekommt, während er von dem Portal erzählt, das er mit seiner Firma gerade im Keller gesichert hat. Oder wenn man im Gespräch mit sonst introvertierten 12jährigen merkt, wie sie sich für ein langsam verfallendes Denkmal interessieren, mitleiden und eigene Ideen zur Umnutzung schmieden (ganz ohne Denkgrenzen).

Kurz – dieser Aufwand wurde so vielfach zurückgezahlt, dass ich es jedem beruflichen Denkmalschützer – auch zur Selbstmotivation – nur ans Herz legen kann.

Unten ein paar Bilder vom Jenaer Projekt. Mehr unter: http://denkmal-aktiv.de/schulprojekte/archiv/schulen-2016/

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Einen Anstoss …

erhielt ich heute – unerwartet – am späten Nachmittag.

Ein Student der Volkskunde und Kulturwissenschaften hatte um ein Gespräch gebeten – über Denkmalschutz und Umgang mit Denkmälern speziell Nationaldenkmälern, und ganz speziell ging es ihm um das Burschenschaftsdenkmal in Jena.

Und so haben wir geredet – über demokratische Bestrebungen, über Nationalismus, über Eliten und Ausgrenzung, über Reflexion und Ignoranz, die Interpretationsfähigkeit von Denkmalen/Denkmälern

…und eben darüber, dass es geschützte Kulturdenkmale – auch ganz unbequeme – gibt, damit wir zum kritischen (Nach-)Denken/Hinterfragen/Diskutieren angeregt werden, und  nicht um in Heile-Welt-Bildern zu verweilen.

Am Ende des Gespräches habe ich mich entschieden, meine im September letzten Jahres begonnenen, dann aber doch nicht veröffentlichten Texte, jetzt offen zu legen – so unfertig wie sie sind.

Danke dafür

Ach so ….und ja: Denkmalpflege und Denkmalschutz beinhaltet auch einen Bildungsauftrag

Erinnerungskultur – Denkmalschutz

…oder eine Nachbetrachtung zur Berichterstattung über und diverse Vorgänge um das Burschenschaftsdenkmal Jena

Das Denkmal

1883 von Adolf Dorndorf geschaffen

zeigt die aus einem monolithischen Block Carrara-Marmor gearbeitete überlebensgroße Figur eines Burschenschaftlers in zeittypischer Studententracht mit Barett, Schärpe, Schwert und Fahne auf flacher Plinthe stehend.

Figur steht auf einem aus 6 Werkstücken gefügten Postament aus Muschelkalk.

Die bisherige Denkmalgeschichte in Kurzform

  • Denkmal stand an seinem ursprünglichen Standort auf dem Eichplatz bis Frühjahr 1945 (ab 1945 eingehaust, um es vor Bombensplittern zu schützen)
  • um es vor dem Einmarsch der Amerikaner zu sichern, wurde es in die „Grüne Tanne“ verbracht
  • seit 1951 am heutigen Standort am Ost-Ende des Fürstengrabens;
    • eFotografie_Hans_Mey_oDvtl. mit der Absicht, es mit einer Botschaft in die Via Triumphalis zu integrieren: Gründung der Burschenschaft = Beginn der „nationaldemokratischen Bewegung“, deren Höhepunkt sich im Kampf der Antifaschisten gefunden habe – dies unterstrichen mit dem Denkmal für die Verfolgten des Nazi-Regime am West-Ausläufer des Fürstengrabens.
    • in späteren DDR-Zeiten: Uni-Kustos Günter Steiger erreicht in den 1970er Jahren konservatorische Sicherung des Denkmals, gleichzeitig wurde Sockel-Tafel „Der Deutschen Burschenschaft“ ersetzt durch die Widmungsworte „der antifeudal-bürgerlichen Studentenbewegung“.
  • Bereits Ende der 1970er Jahre und 1998 erfolgten umfassende Restaurierung und Konservierung des Denkmals.
  • 2011 wurde das Denkmal fast komplett mit Dispersionsfarbe (dringt besonders gut in Naturstein ein) übergossen. Im Zusammenhang mit der darauf erfolgten Reinigung gingen sämtliche kunstharzgebundenen Ergänzungen und Rissverschlüsse an der Skulptur wieder verloren (stellten sich also als reversibel heraus), Rissnetze wurden freigelegt. Außerdem fehlten 2014 mehrere Vierungen an der Figur. Das Denkmal bedurfte daher und aufgrund seiner generellen Instabilität (die extreme Luftverschmutzung in Jena in den früheren Jahren und das mitteleurop. Klima haben der Skulptur stark zugesetzt) einer erneuten restauratorischen und konservatorischen Bearbeitung.
  • Die im Konzept von Dipl. Restaurator Th. Grützner vorgeschlagenen Maßnahmen dienten der Stabilisierung des Gefüges ohne dabei die materialtechnischen Eigenschaften des Marmors irrevesibel zu verändern. Gleichzeitig wurde die Skulptur in ihrer künstlerischen Aussage wieder erlebbar.
  • Die Restaurierungsarbeiten wurden v. Dipl.Rest. Steffen Marko (Leipzig) durchgeführt
  • Da Marmor speziell Carrara-Marmor gegenüber starken Temperaturschwankungen, Feuchteeintrag und Schadgasen besonders anfällig ist, ist die Skulptur zukünftig sowohl vor direkten äußeren Witterungseinflüssen als auch starken Temperatur- und Feuchteschwankungen durch eine ständige Einhausung oder durch Verbringung in einen geschlossenen Raum (z.B. Innenhof der Universität) zu schützen. Die Anforderungen an eine solche Behausung sind sowohl aus konservatorischer (bauklimatische Verhältnisse) als auch konstruktiver und gestalterischer (möglichst geringe Beeinträchtigung der Sichtbarkeit) Sicht sehr hoch.
    • Der Kultur-Eigenbetrieb JenaKultur (in Jena ist fast alles in Eigenbetriebe ausgelagert), dem die Skulpturen zugeordnet sind, berichtete in einer Pressemitteilung im Juni 2016, dass die seit einem Jahr laufenden restaurator. Maßnahmen fast abgeschlossen sind und das Denkmal, das seit der „Farb-Attacke“ eingehaust ist, danach für kurze Zeit offen zu sehen sein wird.
    • zwischenablage03Die entsprechende Zeitungsmeldung postete die Alte Burschenschaft auf dem Burgkeller Jena auf ihrer Facebookseite – allerdings nicht neutral, sondern mit einem ziemlich provokanten – meines Erachtens geradezu herausfordernden Kommentar ….Und natürlich sprang auch gleich jemand darauf auf
    • Die unter dem Namen „Studentische Verbindungen auflösen“ agierende Gruppe postete ihrerseits die Meldung der Burschenschaft mit dem Kommentar „window of opportunity“. Dies wiederum veranlasste die Burschenschaft sich gleich an den OB zu wenden. Im Ergebnis gab es große Aufregung, viele Pressetermine und immer ging es nur um die wirklich einzige kleine Reaktion auf den Post der Burschenschaft, der selbst weder erwähnt noch kritisiert wurde (wurde meinerseits nachgeholt beim Pressetermin am 09.09.2016, aber gelangte leider nicht in die Presse vgl. OTZ OTZ-der Bursche_Jenas unbequemes Denkmal).
    • Für den Tag des offenen Denkmals, an dem wir den Burschen nach der aufwendigen, schwierigen, aber wirklich sehr qualitätsvollen Restaurierung zeigen wollen, wurde sogar eine rund-um-die-Uhr-Bewachung organisiert. Die auch angedachte Videoüberwachung (OTZ-Videoueberwachung denkbar) wurde glücklicherweise fallen gelassen.
    • Und natürlich ging alles gut – alles andere hätte mich nicht nur gewundert, sondern schwer enttäuscht, wäre auch blöd gewesen. Ich unterstelle nämlich, dass differenzierte Betrachtung von komplexen Sachverhalten auf linker Seite etwas ausgeprägter ist. Und die Argumente gegen Nationalismus und Rassismus sind stark genug, um sich damit in verbale Auseinandersetzung in Debatten und Diskussionen zu begeben. Sachbeschädigungen helfen da eher nicht

Der Denkmalschutz

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Fotografie: E. Zimmermann, 09/2016

  • aus künstlerischen, aber auch aus historischen Gründen als Kulturdenkmal gem. ThürDSchG ausgewiesen und geschützt.

Nicht nur Denkmalschutz und die Denkmalpflege sind wesentlicher Bestandteil menschlicher Erinnerungskulturen, sondern auch die bewusst zum Zwecke der Erinnerung geschaffenen Objekte, wie die Denkmäler, zu denen auch das Burschenschaftsdenkmal gehört.

Erinnerungskultur

Dabei geht es immer um Erinnerung/Verdrängung an/von Vergangenes/m, um dessen Deutung und um Wertevermittlung. Und selbstverständlich gibt es hier Wandlungen/Veränderungen.
Das Anliegen des Denkmalschutzes ist es, die Kulturdenkmale mit den ihnen innewohnenden historischen Informationen zu bewahren und damit auch die jeweils entstehungszeitlichen Absichten, Umstände – also sozialen, politischen, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – und die der jeweiligen Erinnerungsgemeinschaft immanenten Werte ablesbar zu erhalten – für Diskussionen, Reflexionen, die Entwicklung eigener Wertesysteme etc.

Das heißt aber, dass auch so genannte unbequeme Denkmale erhalten werden müssen, wozu auch das Burschenschaftsdenkmal zu zählen ist.

Derartige Denkmäler/Kulturdenkmale zu beseitigen oder zu verstecken – also Geschichte glatt zu bügeln, wäre fatal. Gerade in Zeiten wieder erstarkender Nationalismen und eines wachsenden Rassismus, aufkommender Ab- und Ausgrenzungstendenzen, der Abnahme sozialer Durchlässigkeit muss man sich mit Entwicklungen wie sie die Burschenschaft(en) von ihrer Gründung an vollzogen, beschäftigen, mit Ursachen und Folgen auseinandersetzen.

Die Auseinandersetzung mit den Burschenschaften ist schwierig. Gerade in der Gründungszeit gibt es häufig ein Nebeneinander von fortschrittlichen/aufklärerischen Ideen und elitären/ein- und ausgrenzenden Zielen:

Neben der Idee von einem gemeinsamen Vaterland, neben Nationalstolz, neben der übersteigerten Bedeutung von „Männlichkeit“, speziellen Männlichkeitsidealen (Mannhaftigkeit und Kampfbereitschaft für das deutsche Vaterland) und der damit einhergehenden Diskriminierung von Frauen, ging es eben doch auch um die Idee der Volkssouveränität (Luden), die Aufhebung von Leibeigenschaft und liberale Verfassungen mithin demokratische Freiheiten. Neben der Beibehaltung aristokratischer/elitärer Ehrvorstellungen ging es um Abschaffung von Standesunterschieden, neben der individuellen Freiheit ging es darum, sich für die Nation, für „sein Volk“ zu opfer – quasi Selbstaufgabe für das Kollektiv. Neben dem Kampf gegen Kleinstaaterei gegen feudale Prinzipien (vgl. Tafel aus DDR-Zeiten auf Burschenschaftsdenkmal) ging es um die Bildung elitärer/ausgrenzender Netzwerke.

Mit dem Zusammenschluss der deutschen Länder und Staaten im Jahr 1871 sahen die deutschen Burschenschaften eines ihrer wichtigsten Ziele als erreicht an. Ihr politisches Engagement ging zurück, Regularien, Duelle, Versorgungssysteme/Netzwerke gewannen an Bedeutung. Die Burschenschaften waren keine Opposition, sondern eine staatstragende  Organisation geworden, die sich selbst als Elite des Kaiserreiches sah. Dieses elitäre Selbstverständnis ging jedoch immer stärker in nationalistischen/antisemitischen/rassistischen Ideen auf. Burschenschaften ab 1871 als unpolitisch zu bezeichnen, wäre also schlichtweg falsch.

>Pause … irgend wann schreibe ich hier weiter über NS-Zeit, Nachkriegszeit in Ost und West und die 1990er bis heute <